Herbstnacht

Heute war wieder einer dieser Tage, dachte sich die vierzehnjährige Christine. Einer der Abende an denen Mutter sich mit einem Mann zum Abendessen zuhause verabredet hatte. Sie musste derweil in ihrem Zimmer bleiben und sich beschäftigen. Um 22 Uhr sollte sie dann selbständig schlafen gehen, hatte ihre Mutter gesagt. An diesen Tagen, durfte sie sogar auf das Zähneputzen abends verzichten.

Es begann immer mit derselben Prozedur und endete jedes Mal mit Tränen in den Augen des jungen Mädchens. Zuerst kochte ihre Mutter ein gutes Essen und machte sich schick. Um halb Sieben klingelte es dann meistens an der Haustür und eine dunkle Stimme war durch die Wände in das Kinderzimmer zu hören.

Der Klang von klimperndem Geschirr und einem recht holprig erscheinenden Gespräch war daraufhin das einzige was Christine für die nächsten zwei Stunden mitbekam. Es war die Zeit, an der sie immer hoffte, der Fremde würde wieder verschwinden. Einfach nur ein Essen zu sich nehmen und durch die Wohnungstür wieder in sein eigenes Leben verschwinden. Doch es lief jedes Mal anders ab. Ihre Mutter und der Fremde wechselten in das Wohnzimmer und tratschten vor dem laufenden Fernseher. Die Nacht war inzwischen über der Stadt eingebrochen. Das Kinderzimmer von Christine war stockfinster. Das Mädchen selbst lag bereits in ihrem Bett und starrte wartend an die Decke.

Irgendwann, sie musste kurz weggeschlafen sein, war Gelächter und ein laszives Kreischen zu hören. Der Moment war gekommen. Unruhe breitete sich in dem jungen Mädchen aus. Es war schon sooft passiert und trotzdem war es jedes Mal aufs Neue eine Qual. Nach zehn Minuten war das Stöhnen einer Frau im Nebenraum zu hören. Es war der Takt, der wie ein Schlag in das Gesicht der Tochter einhämmerte. Plötzlich hörte sie auch noch das Geräusch des bewegenden Bettes, das erschöpfte Treiben und das Stöhnen des Mannes. Die Person, die Christines Mutter gerade wie ein Stück
Fleisch bearbeitete. Tränen stiegen in die Augen des Mädchens.

Warum musste sie sich das alles mit anhören? Warum war die Qual so groß und der Schrei der Angst so klar in ihr zu hören? Sie blickte weiterhin starr nach vorne, versuchte sich die Ohren zuzuhalten und an etwas anderes zu denken. Doch es klappte nicht. Die Tortur dauerte meist eine halbe Stunde. Minuten die wie ganze Tage vergingen. Der Schmerz der nicht wich, da tausende Bilder in dem Kopf des jungen Mädchens einschlugen. Sie hatten die Gewalt etwas zu zerstören. Ihre Kindheit, ihre Leichtigkeit und vor allem ihren Respekt vor der eigenen Mutter. Ihre Vertrauen und ihre Liebe wurden auf eine zu harte Probe gestellt.

Wie oft musste sie das noch ertragen? Warum musste sie still in ihrem Zimmer sitzen und schweigen? Am liebsten wäre sie aufgestanden, hätte gegen die Wand geschlagen und laut geschrien. Doch sie konnte nicht. Sie konnte es nie. Ihr Herz brannte und die süße Mixtur aus Angst, Hass und Schmerz verbrühten ihren Verstand. Warum machte Mama das nur immer wieder? War es weil sie Papa ersetzen wollte? Brauchte sie Geld um das Essen zu bezahlen? Warum weinte sie sooft? Ihr Leben war unruhig und trist geworden. Die Fragen fanden keine Antwort. Die Tränen keinen Abnehmer. Warum waren alle anderen Menschen nur in der Lage zu lachen, während sie bloß Angst und Schmerz empfand?


Der Herbst nahm kein Ende. Sie konnte das nicht mehr lange ertragen. Der stumme Schrei zehrte an ihrem Verstand. Auch wenn der Morgen kahm, es blieb doch jedes Mal ein Splitter über, der am kalten Boden liegen blieb. Der Boden an dem sie sich ein paar Tage später wieder betten sollte. Wo war ihr Gott nur geblieben? Es würde weichen. Es musste weichen. Der Herbst musste enden. Irgendwann. Doch sie glaubte nicht mehr daran. Er überdauerte bereits seit zwei Jahren. Die Splitter am Boden bohrten inzwischen zu tief. Wo war er nur?