Die Dunkelheit im Innern

Ohne ein Lächeln im Gesicht, siehst du mich an,
ohne zu sprechen und ohne Verstand.
In dir ist etwas das nach Größerem strebt,
ich hoffe, dass es sich nie wieder erhebt.


Ich weiß nicht wo ich bin. Ich weiß nur, dass es regnet. Da ich davon nicht nass werde, gehe ich davon aus, dass ich in einem Raum bin. Ich habe Gänsehaut und spüre den kalten Boden unter mir. Er fühlt sich hart an. Ich habe die Knie an mich gezogen. Ich bin in dieser Stellung aufgewacht. Ich weiß nicht was davor passiert ist. Was ich davor erlebt habe. Ich weiß nicht was gestern war oder ob es ein gestern gibt. Ich weiß weder wo ich bin, noch wie ich hierher gekommen bin. Ich sehe nicht viel in der Dunkelheit. Ich kann keine Fenster erkennen. Kein einziger Lichtspalt ist zu sehen. Vielleicht ist es gerade Nacht. Ich weiß weder welchen Tag wir haben, noch wie spät es ist. Die Luft hier ist abgestanden. Ich höre mich selbst atmen. Ein leiser Luftstoß, der aus meiner Nase dringt. Gerade als ich die Hände um meine Beine lösen will, erklingt ein schrecklicher Laut in der Ferne. Ein brodelndes Geräusch, das näher zu kommen scheint. Dieser Laut durchdringt meinen ganzen Körper. Ich drücke meine Hände gegen die Ohren und presse die Augen zusammen in der Hoffnung, der unbekannten Gefahr zu entweichen. Jeder Muskel in mir scheint zu zucken und von Kälte übermannt zu werden. Nach einigen Minuten endet das Gefühl und ich höre durch meine Hände keine Geräusche mehr. Ich atme durch und löse die angespannte Haltung. Was war das? Ich atme hastig und umfasse wieder sitzend meine Beine. Ich kann dieses Geräusch nicht zuweisen aber es macht mir Angst.

Vielleicht sollte ich aufstehen, um einen Weg aus diesem Raum zu finden oder zumindest jemanden der mir erklären kann, was hier los ist. Aber was passiert, wenn die Geräusche wieder kommen? Hier bin ich zumindest fürs Erste davor sicher. Oder? Vielleicht wird es auch von ganz alleine hier hell und alles klärt sich auf. Vielleicht ist das alles aber auch nur eine Probe. Ich merke, dass sich meine Augen schön langsam an die Dunkelheit gewöhnen. Ich sehe nun meine eigenen Hände wie sie wieder meine Knie umfassen. Ich habe ein Kleid an. Es sind irgendwelche Flecken darauf. Die Farben kann ich nicht erkennen. Ich kann mich nicht erinnern, es jemals zuvor gesehen, geschweige denn getragen zu haben. Ich bemerke, dass ich keine Schuhe trage. Meine Zehen fühlen sich kalt an. Ich sollte endlich aufstehen. Ich atme tief ein und versuche mich zu beruhigen. Ich habe Angst. Was passiert, wenn ich aufstehe und außer mir hier noch jemand ist. Jemand, der bereits auf mich wartet und in der Dunkelheit lauert. Aber müsste ich dann nicht seinen Atem hören? Ich versuche wieder ruhig zu atmen, damit ich die Aufregung in mir bekämpfe. Die Angst zu vergessen, die ich eigentlich habe. Es klappt nicht. Ich atme noch einmal ein bevor ich aufstehe. Der Raum ist nicht besonders hoch. Ich kann aber gerade darin stehen. Ich kann den Geruch, der im Raum ist, nicht zuweisen. Ich merke aber erst jetzt, da ich stehe, wie übel mir eigentlich ist. Ich kann den Geruch einfach nicht zuweisen. Ich sehe hier nur dunkle Umrisse. Ich halte meine rechte Hand vor mir. Kein Widerstand. Leicht gebückt und ohne zu Wissen wohin mich diese Schritte führen, gehe ich nach vorne. Mein Herz rast und ich erkenne noch immer nichts. Ich taste hektisch mit meiner rechten Hand in der Luft herum. Nach ein paar Schritten spüre ich etwas. Hier ist etwas. Ein Sofa vermutlich. Die Höhe würde passen. Die Länge kann ich hier in der Dunkelheit nur vermuten. Ich fasse nach vorne. Dorthin wo ich vermute, dass die Rückenlehne ist. Es fühlt sich weich an. Ich lasse meine Hand auf dem Gegenstand nach links gleiten. Irgendwann, nach ein paar Sekunden, endet mein Halt. Es flacht nach unten ab. Ja, es könnte ein Sofa sein. Wo bin ich hier? Ich fasse nun mit beiden Händen um den Gegenstand, der vermutlich eine Rückenlehne ist. Ich atme wieder bewusst ein und aus.

Ich spüre plötzlich einen Druck in der Brustgegend. Dann tauchen die Geräusche wieder auf. Sie erscheinen lauter als zuvor, näher als zuvor, einnehmender als zuvor. Ich knie mich hin und presse meine Hände zu den Ohren. Dieses Mal dauert es nicht so lange. Ich halte meine zittrigen Hände direkt vor meine Augen und sehe sie an. Ich brauche mehrere Minuten um mich zu überwinden, wieder aufzustehen. Ich ziehe mich an dem Gegenstand vor mir hoch. Ich erkenne noch immer nicht viel. Ich weiß noch immer nicht wo ich bin. Ich gehe langsam seitlich an dem unbekannten Teil im Raum herum. Ich mache dabei nicht viel Geräusche. Ich versuche meine Augen anzustrengen, damit ich besser sehen kann. Ich hatte Recht. Das hier ist ein Sofa. Welche Farbe kann ich nicht erkennen. Jedenfalls sehe ich die Seitenlehne und eine Sitzfläche. Ich atme hastig und merke, dass sich mein Hals verengt. Ich huste. Erst zu spät wird mir bewusst was ich gerade getan habe. Ich knie mich sofort hin und schlage die Hand vor meinen Mund. Presse ihn dort regelrecht dagegen. Sollte noch jemand an diesem Ort sein, hat er mich nun gehört. Was habe ich nur getan? Ich warte einige Zeit und lausche. Ich höre lediglich den Regen, der in der Ferne zu mir dringt. Zu mir oder zu uns. Mein Gefühl dass ich nicht alleine bin wird immer stärker. Noch immer kein Atem außer mein eigener zu hören. Langsam stehe ich wieder auf. Ich fühle Übelkeit, danach ein Schwindelgefühl. Ich halte mich wieder an der Rückenlehne des Sofas fest. Mein Herz schlägt so stark, dass ich das Gefühl habe, meine Brust hält den Druck nicht länger stand und zerplatzt. Es pumpert und hämmert. Ich schließe kurz die Augen und möchte mich mit Atemübungen beruhigen. Aber es hat wohl keinen Zweck und ich breche ab. Ich gehe schleichend um das Sofa herum, damit ich wieder an der Seitenlehne stehe. Ich strecke meine rechte Hand gerade aus ins Nichts. Mit der linken halte ich mich an der Lehne fest.

Der Regen tobt in der Ferne. Ich gehe einen Schritt nach vorne. Meine Hand erfährt weiterhin keinen Widerstand in der Dunkelheit. Ich stehe nun ohne Halt, mitten in der Dunkelheit. Ich spüre neben der Angst auch Ungeduld in mir. Mein Herzschlag beschleunigt sich. Ich merke, dass ein leichter Wind mein Gesicht berührt. Vielleicht bin ich doch nicht in einem Raum, aber warum werde ich dann nicht nass vom Regen?

Ich höre und spüre, dass das grausame Geräusch gleich wieder auftaucht. Ich bleibe trotzdem stehen. Ich möchte es dieses Mal überstehen. Dagegen ankämpfen. Ich schließe die Augen. Das Geräusch wird schwach. Das durchdringende Toben bleibt aus. Das böse Heer scheint abgezogen zu sein. In Gedanken hoffe ich, dass es damit endlich geschafft ist. Dass die Geräusche nicht mehr kommen und ich endlich verstehe wo ich bin.

Direkt vor mir scheint nichts zu stehen, sonst würde ich es sehen. Ich gehe weiter mit ausgestreckter Hand. Weiterhin kein Widerstand. Noch ein Schritt. Ich stoße mit meinem Fuß an etwas an und zucke zusammen. Ich gehe in die Knie, damit ich es sehe. Ich versuche meinen Blick zu fokussieren. Ein Schuh. Ein Fuß. Ein Mensch! Ich zittere vor Angst und Aufregung und bleibe einige Sekunden in dieser Position verharrt. Mein Herz rast. Ich schaue wieder genauer hin und merke, dass sich der Fuß nicht bewegt. Die Gedanken in meinem Kopf pressen wie ein Sturm gegen mein Bewusstsein. Was soll ich jetzt tun? Vielleicht sollte ich wagen mit der Person Kontakt aufzunehmen, aber was passiert mit mir, wenn dieser jemand mir nichts Gutes anhaben will. Wenn er hier nur in der Dunkelheit wartet. Ich merke die Enge um meinen Hals. Ich muss husten, versuche es noch zu unterdrücken. Doch es geschieht. Ich halte mir noch die Hand vor den Mund. Das Geräusch ist trotzdem noch klar zu hören. Ich blicke auf den Fuß und warte auf eine Reaktion. Doch es geschieht nichts. Das Bein bewegt sich nicht. Vielleicht auch diese fehlende Reaktion vorgetäuscht. Ich atme bewusst aus und ein. Vielleicht werde ich dadurch irgendwann die Angst verdrängen können. Ich atme noch ein letztes Mal tief ein, bis ich etwas mache, das ich eigentlich nicht machen sollte oder wollte. Ich berühre noch einmal das Bein. Halte es mit meiner ganzen Hand fest. Rüttle sogar daran, doch es passiert nichts. Keine Reaktion. Ich stehe wieder auf und gehe seitlich an dem Fuß Richtung Beine und Oberkörper vorbei. Danach knie ich mich wieder hin. Ich höre mich selbst wie ich „Hallo“ schreie. Ich höre wie meine Stimme fremd und entfernt erscheint. Ich greife zu den Beinen und rüttle, drücke und kralle, doch dieser Mensch zeigt keine Regung. Ich fühle Angst und Kälte. Ich gehe kniend bis zum Kopf. Erst jetzt sehe ich das Blut auf dem Oberkörper der Person. Es glitzert in der Dunkelheit. Ich habe keinen Zweifel daran, dass es wirklich Blut ist. Panik steigt in mir auf. Vielleicht ist der Täter auch hier. Ich schreie „Wo bist du“ und höre das Kreischen in meiner Stimme. Niemand antwortet mir darauf.

Ich sehe wieder nach unten und betrachte zum ersten Mal das Gesicht des schweigenden Menschen. Plötzlich brechen dutzende Bilder in meinem Kopf auf mich ein. Bilder, die ich wohl einfach verdrängt habe, sind wieder hier. Ich balle meine Hände zu Fäusten und presse meine Zähne zusammen. Ich überlege nicht mehr. Handle nur mehr. Ich schlage in das Gesicht dieses Mannes. Ich schlage immer wieder darauf. Endlich verstehe ich, warum ich hier bin. Dieses Schwein ist schuld daran. Ich merke, dass ich weine. Ich schlage bis ich keine Kraft mehr habe. Ich höre mich schluchzen und gleichzeitig vor Wut stöhnen. Ich schlage noch einmal nach vorne. Wie geht es dir dabei? Ich gehe auf allen Vieren, weg von diesem Mann. Er bewegt sich ohnehin nicht mehr. Ich hoffe, dass er für immer verstummt. Ich hoffe, dass er sich nie wieder bewegt. Dass er mich mit seinen schmutzigen Händen nie wieder angreift. Ich habe keine Angst mehr, da ich weiß, dass in diesem Raum keine Gefahr mehr auf mich wartet. Hier ist außer mir und diesem Schreien niemand. Ich irre nun in der Dunkelheit umher, weil ich weiß, dass es hier irgendwo liegen muss. Ein Sofa, ein kleiner Kasten, ein großer Teppich. Ich sehe in meiner Erinnerung wieder, was in diesem Raum ist. Ich muss nicht lange warten, bis ich finde, wonach ich suchte. Es liegt hier und glitzert trotz der Dunkelheit. Ich nehme es in die Hand und betrachte dieses Ding. Es hat mir wohl das Leben gerettet. Ich setze mich neben einen Kasten hin. Dort wo ich auch aufgewacht bin. Ich habe keine Angst mehr. Fühle eine Übelkeit und eine erdrückende Müdigkeit. Irgendwann schlafe ich ein.

Aufgeweckt werde ich durch seltsame Geräusche in der Ferne und ein Pochen an der Tür. Ich möchte schreien, aber ich kann nicht. Wenige Sekunden später wird alles hell. Der Raum hüllt sich in ein weißes Kleid. Ich halte meine Hand vor die Augen. Ein Mann kommt zu mir, kniet sich hin und redet mit mir. Später meinen sie, dass ich einen Schock hatte und mich deshalb an nichts erinnern konnte. Der Mann hat gesagt, dass es Notwehr von mir war. Dieses Schwein hat mir solange wehgetan. Meine Mutter hat der Polizei erzählt, dass die davon nichts wusste. Aber wie kann man davon nichts wissen, wenn der eigene Mann jede zweite Nacht aus dem Schlafzimmer geht und seine eigene Tochter schreiend in den Dachboden zerrt? Mama weint jetzt viel. Der Polizist meint, dass sich die schlimmen Geräusche, das Heer, von einem Gewitter in der Ferne waren. Der Polizist sagt, dass sie mich gefunden haben, weil meine Mama angerufen hat. Er hat auch gesagt, dass ich etwa einen Tag oben im Dachboden war. „Es hat nun ein Ende“ hat er gemeint. Ich merke davon nur noch nichts. Ich weiß, dass ich in der Nacht auch einen Teil von mir getötet habe. Dass ich zugestochen habe wie eine Irre. Dass ich das Messer schon vor zwei Monaten rauf geschafft habe, aber nur nicht den Mut hatte, es einzusetzen. Ich fühle mich so als würde es kein früher geben. Ich habe nicht meinen Vater erstochen sondern ein Monster in ihm. Das Monster, das mich jahrelang zerstört hat. Meine Mama hat gesagt, dass jetzt alles gut wird und wir jetzt neu beginnen. Ich weiß nicht wie das gehen soll. Ich weiß nicht wo ich bin. Ich weiß nur, dass es regnet.

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