“Wir müssen den Dreh in die ethische Richtung hinbekommen” – Christian Vagedes im Gespräch

Christian Vagedes ist Buchautor, Designer und Vorsitzender der Veganen Gesellschaft Deutschland. Mit Aktionen und Kampagnen versucht er Aufklärungsarbeit für eine vegane Lebensweise und deren Vorteile zu leisten. Nach mehrjähriger Arbeit ist sein Buch veg up seit Herbst im sicht-Verlag erhältlich. Ein Interview über das Thema Veganismus, Öffentlichkeitsarbeit und einem langen Weg zum Ziel von Franz Dumfart.


solife.cc: Hallo Christian, mit ethischem Antrieb versuchst du täglich Menschen aufzuklären und für ein tierleidfreies Leben zu begeistern. Euer Verein scheint sich innerhalb weniger Monate gut entwickelt zu haben und zeigt allerorts Präsenz. Wer für eine, in der Gesellschaft meist unverstandene Lebensweise, eintritt, steht zwangsläufig im Mittelpunkt der Kritik. Wie gehst du mit diesem Druck um und motivierst dich Tag für Tag?
Christian Vagedes: Neulich meinte jemand mal, dass ihn das mit der Kritik an die Frühgeschichte der Grünen erinnere, in der es hieß: Kopf raus, Rübe ab. Auf deutsch: Wer sich wirklich engagiert und was unternimmt, wird auch eher kritisiert als der Andere, der zwar viel redet und kritisiert, aber selbst nichts unternimmt. Ich gewöhne mir mehr Gelassenheit an und was mich antreibt sind die Menschen, die wir mit unserer Arbeit begeistern. Und wenn man sieht, dass sich Menschen zurückmelden, die aufgrund des Engagements erst vegan geworden sind – das steigert meine Freude und Motivation um so mehr.
solife.cc: Duve und Foer haben mit ihren Büchern viele Menschen zum Umdenken bewegt. Aufgrund des inkonsequenten Fazits beider Autoren (Vegetarisch in Ordnung, Vegan richtig, aber schwierig und deshalb für beide nicht denkbar) richten sie aber auch Schaden an. Wie siehst du diese beiden Phänomene und ihre Massenwirkung?
Christian Vagedes: Beide Bücher sind historische Meilensteine in ihrer Wirkung gegenüber Menschen, die sich mit dem Thema noch nie auseinandergesetzt haben. Ich teile aber die Kritik und gehe deshalb mit veg up. die veganisierung der welt einen Schritt weiter. Mein Buch zeigt klar, dass die Veganisierung der Welt ein logischer und konsequenter Schritt aufwärts in unserer Evolution ist. Ich nenne einige prominente Kronzeugen wie Charles Darwin und Rudolf Steiner.
solife.cc: Ernährungs-Gewohnheiten sind tief verankerte Aspekte im Leben eines Menschen. Für einen Großteil der Verbraucher ist der Umstieg auf eine vegane Lebensweise schlicht unvorstellbar. Sind daher Zwischenschritte, beispielsweise ein vegetarischer Tag in der Woche, ein notwendiger Anfang oder siehst du darin eine Legitimierung einer grundlegend falschen Lebensweise?
Christian Vagedes: Die Frage lässt sich nicht leicht beantworten: Wenn es Zwischenschritte sind, sind auch diese begrüßenswert. Wer bei den Zwischenschritten stehen bleibt, bewegt sich zu wenig, während gleichzeitig Menschen hungern, Tiere leiden und der Regenwald weiter gebrandschatzt wird. Deshalb bekommt man manchmal Bauchweh, wenn man sieht, mit welcher Geduld manche Minischritte zu großen Taten erklärt werden. Andererseits führen auch kleine Schritte vorwärts.
»Im Moment gibt es immer mehr Menschen, die von heute auf morgen vegan werden und das erkennen, was Gandhi den Geist der Wahrheit genannt hat, dass alles zusammengehört, dass Tiere Schmerzen empfinden, dass Menschen hungern, weil wir die falsche Ernährung haben”
Christian Vagedes in der taz
solife.cc: In einem Spiegel-Bericht stolperte ich über ein interessantes Zitat. Sinngemäß ging es darum, dass kein Leben und kein Gewinn in unserer konstruierten Gesellschaft möglich ist, ohne des Leidens eines anderen Lebewesens dafür. Wo beginnt und endet dein Anspruch, dein Leben soweit es möglich ist ethisch und nachhaltig zu bestreiten? Wo machst du Abstriche?
Christian Vagedes: Mein persönliches Ziel habe ich so definiert: Ich tue das, was für mich ethisch möglich ist und versuche mein ethisches Verhalten zu steigern. So trinke ich, wenn ich Kaffee trinke, gezielt bio und fair gehandelten. Wenn möglich versuche ich vegan immer mit bio und fairtrade zu kombinieren. Der Autor des Spiegels mag recht haben und umso mehr sollten wir uns jetzt mit vereinten ethischen Kräften darum bemühen, dass wir eine Schubumkehr hinbekommen. Es kommt im Moment darauf an, dass wir den Dreh in die ethische Richtung hinbekommen und ich bin mir sicher, dass wir das schaffen, wenn wir Menschen begeistern und wachrütteln.
solife.cc: Im Sommer endete der österreichische Prozess gegen 13 (Tierschutz-)Aktivisten. Wie hast du das Verfahren wahrgenommen und welche Schlüsse kann man aus den Freisprüchen ziehen?
Christian Vagedes: Was da lief war ein Zurück in die dunkle Vergangenheit totalitärer Zeitabschnitte. Doch Recht und Gerechtigkeit haben gewonnen. So einfach, wie die Lobbys sich das vorstellen, geht das heute nicht mehr. Wir müssen aber alle wachsam sein und ich fordere jeden einzelnen Menschen genau dazu auf.
solife.cc: “Eine vegane Lebensweise zerstört viele Industriezweige und somit Existenzen. Ein Bio-Bauernhof tut nun wirklich niemandem etwas” – Was sind deine Antworten auf solche und ähnliche Aussagen – wäre ein Umstieg auf biologische Produkte als erster Schritt denkbar?
Christian Vagedes: Wenn man sich alles genau durchrechnet kann man bio für alle nur machen, wenn wir die Landwirtschaft veganisieren. Bio nur für wenige ist unsozial. Leider werden auch auf Biobauernhöfe Tiere so behandelt, wie das Gewaltallergiker wie ich nicht mehr ertragen können und länger dulden möchten. Bio-vegan ist klasse. Keine Frage.
solife.cc: Immer wieder kann man via Facebook verfolgen wie diverse ideologische und auch persönliche Streitereien zwischen Veganern öffentlich ausgefochten werden. Trennst du deine Meinung als Privatperson ganz klar von der des Vorsitzenden? Ist dies im Internet überhaupt möglich bzw. zielführend für ein positives Bild nach Außen?
Christian Vagedes: Manchmal muss ich mich vielleicht im Interesse des großen Ganzen bändigen, aber um authentisch zu sein, bleibe ich schon ich selbst. Es gibt Stimmen, die wollen alles, was ich schreibe oder was ich sage vorher abstimmen lassen – da mache ich allerdings nicht mit. Da ich voll und ganz hinter den Zielen und Aufgaben der Veganen Gesellschaft Deutschland stehe, fällt es mir sehr leicht, da in keine Konfliktsituationen zu kommen. Nicht jeder Streit ist identisch mit Kampf. Streit kann sehr produktiv sein, wenn man zueinander findet und etwas dabei herumkommt. So hat unser Engagement gegen die Teilnahme eines Weltmilchkonzerns auf der Veggieworld zwar auch ein paar Leute irritiert, die Angst davor haben, dass angeblich bestimmte Konzernvertreter sie schräg angucken, was ich nicht glaube, aber letztlich hat der Vegetarierbund dann doch eingelenkt und hat diesen Konzern fürs nächste Mal nicht erneut eingeladen. Dieser Streit war also produktiv, wenn auch für mich nicht das schönste Ereignis der letzten Monate. Man muss unterschiedliche Standpunkte vertreten können und wenn man Chancen auf Änderungen sieht, lohnt es sich, die auch konsequent einzufordern.
solife.cc: Wie sieht deine Vision für ein Deutschland im Jahre 2020 aus? Welche Veränderungen müssten eingetreten sein, damit du zufrieden auf die letzten zehn Jahre Arbeit zurückblicken kannst?
Christian Vagedes: Die Ernährungslügenfassade ist in sich zusammengebrochen. Nicht zuletzt, weil sich der Zusammenhang zwischen Tierprotein und Überflusskrankheiten herumgesprochen hat. Überall gibt es vegane Supermärkte und vegane Kindertagesstätten, vegane Mensen, Schulkantinen usw. Die Subventionierung von Fleisch und anderen nichtveganen Produkten ist abgeschafft und vegane werden gefördert. Den Krankenkassen geht es wieder besser, da weniger Menschen erkranken. Da, wo es noch nicht vegane Produkte gibt, ist es vielen Menschen bereits peinlich, nichtvegane Produkte einzukaufen. Durch die Veganisierungstendenzen im Westen keimt die vegane Idee auch in Asien massiv auf, vor allem in Japan und China entdeckt man die vegane Tradition und den veganen Modernismus. Die Veganisierung führt zu mehr Gerechtigkeit in der Verteilung von Nahrungsmitteln und zu einem Wirtschaftsboom – so bekommt die Veganisierung einen Globalisierungscharakter. Besonders schön ist zu sehen, dass die Vereinigten Staaten von Amerika sich kulturell erneuern und die Veganisierung den Amerikanern dabei hilft, die positiven Aspekte ihrer Geschichte wieder in das Weltgeschehen einzubringen. Im Osten knüpfen die Russen an der Tolstoi-Tradition an und insgesamt erlebt die Kultur einen Aufschwung. Die veränderte Ernährung und ein sichtbar werdendes besseres Verhältnis zur Tierwelt führt auch zu einer Belebung des geistigen Austausches der Menschen und ihrer Kulturen, zwischen Osten und Westen, zwischen Norden und Süden.

Weiterführende Links

  • Silke

    Bist mir einfach nur sympatisch!

  • lieber christian, du bist einfach nur gut! … im sinne von: das gute tun, weil es das gute ist… liebe grüsse aus stuttgart, deine gabriele

  • Charlotte Weygand

    Hallo Christian,

    Danke für Deine Arbeit!
    Ich wünsche uns allen endlich den Durchblick.

    ganz liebe Grüße aus Alzey

  • heike

    lieber christian, deine vision ist schon lange meine vision.
    danke dir von herzen dafür, dass du mit aller kraft daran arbeitest, sie realität werden zu lassen! und sie wird real werden, dessen bin ich ganz sicher !
    herzliche vegane grüße

  • koko

    Wer wissen möchte was aus diesen renitenten Kritiker*innen geworden ist:
    http://veganlegion.org/vgd-abschied.pdf

    Aber ne … „Man muss unterschiedliche Standpunkte vertreten können und wenn man Chancen auf Änderungen sieht, lohnt es sich, die auch konsequent einzufordern.“

  • Andreas Schneider

    Immer wieder faszinierend zu lesen, wie manipulativ vorgegangen wird:

    „Es gibt Stimmen, die wollen alles, was ich schreibe oder was ich sage vorher abstimmen lassen – da mache ich allerdings nicht mit.“

    Welche Stimmen sollen das denn bitteschön gewesen sein? Hier werden mal wieder Gespenster an die Wand gemalt – die Kritiker, die sich z.B. im Oktober von der VGD lossagten, bemängelten vor allem die fehlende Möglichkeit, Einfluss auf die Zusammensetzung des Vorstandes nehmen zu können. Bis zum heutigen Datum hat die Vegane Gesellschaft Deutschland max. 6 stimmberechtigte Mitglieder, die die Wiederwahl des Gründungsvorstandes auf beliebig oft ermöglichen können.

    Entgegen der im Amtsgericht Oldenburg hinterlegten Satzung wurde auf der Webseite der VGD eine Version zum Download angebotenen Satzung kennt letztere keine Fördermitglieder. Deren Status bleibt undefiniert. Die rechtkräftige, weil im Vereinsregister des Amtsgerichts Oldenburg hinterlegte Fassung, unterscheidet zwischen ordentlichen und Fördermitgliedern. Letzteren gesteht sie zudem das Recht zu, an Mitgliederversammlungen teilzunehmen. Kein einziges Fördermitglied wurde im vergangenen Jahr zu einer Mitgliederversammlung eingeladen, Rechenschaft über Einnahmen und Mittelverwendung musste der Vorstand also nicht ablegen. Dabei gehört solcherart Transparenz eigentlich zu den Mindeststandards für als gemeinnützig anerkannte Vereine.

    Stattdessen wird hier behauptet, Kritiker innerhalb der VGD hätten alles kontrollieren wollen. Im Gegensatz dazu war es viel eher so, dass für sämtliche ehrenamtlichen Mitarbeiter die Strukturen des Vereins dermaßen undurchsichtig waren, dass die meisten am Ende das Weite suchten. Nicht einmal die genaue Zusammensetzung des Vorstandes wurde offen gelegt. Kampagnen und Aktionen wurden i.d.R. ohne vorherige Absprache kommuniziert, gleichzeitig aber eingefordert, diese auch gegen massive Kritik von außen vehement zu verteidigen.

    Ich könnte noch sehr viel mehr schreiben, belasse es aber erst einmal dabei. Quellenbelege reiche ich auf Wunsch gerne nach.