Wenn Angst der Verzweiflung Platz macht

Ich lief aus der Straßenbahn, ohne mich umzudrehen. Der Regen war stärker geworden. Er peitschte mir ins Gesicht. Ich schnappte mir das Handy und versuchte durch meinen Vater eine korrekte Wegbeschreibung ins Krankenhaus zu finden. Nach weiteren fünfzehn Minuten laufen, sah ich endlich den Eingang. Meine Kleidung war inzwischen durchnässt. Ich rannte in Richtung des Wartebereichs der Notaufnahme. Sie lag dort auf einer Trage. Drei Menschen standen um sie herum. Eine davon war Ärztin. Ich murmelte zu ihnen ein „Hallo“ und sah ihr in die Augen. Sie waren vom Schmerz der letzten Tage gezeichnet.

Sie waren gezeichnet von schlaflosen Nächten, dutzenden starken Schmerztabletten und einer Menge Falschdiagnosen, die immer wieder Hoffnung gemacht hatten. Sie versucht zu lächeln und ich streichle ihre Wange. Alles wird gut. Aber wann denn endlich? Die Ärztin versucht einfühlsam zu wirken und redet mit ruhiger gedämpfter Stimme. Der Inhalt ist jedoch ein weiterer Schlag in die Magengegend, der einen kurz die Luft zum Atmen raubt. Wir müssen in ein anderes Krankenhaus. Sie können sie hier nicht aufnehmen. Es sei eine Frechheit vom anderen Krankenhaus, sie überhaupt nicht gleich genommen zu haben. Von dieser künstlichen Entrüstung kann ich mir leider nichts kaufen. Ich kann mir darum gar nichts kaufen. Nicht einmal Hoffnung. Am liebsten würde ich der Frau erzählen, was wir die letzten Tage durchgemacht haben. Was sie die letzten Tage ertragen musste.

Ich schweige und nicke. Die Rettungssanitäter, einer davon Zivildiener, machen sich auf, die Trage in den Lift zu bringen. Ich gehe mit. Ich werde mitfahren. Ich werde ab jetzt hier bleiben bis wir Gewissheit haben. Nach ein paar Sätzen wissen die Sanitäter, dass ich vor rund zwei Jahren das gleiche wie sie gemacht habe. Das ist kein selbstverliebtes Handeln. Ich will ihnen damit sagen, dass sie hier aufpassen sollen. Dass hier jemand ist, der sich auskennt und nicht nur schluckt was vorgekaut wird. Ich halte bei der Fahrt ihre Hand und verstehe diese Situation nicht. Ich kann es gedanklich nicht zuordnen. Ich fahre mit ihr in ein Krankenhaus in einem Rettungsauto, in der Hoffnung, dass die Schmerzen endlich enden.


Als wir endlich angekommen sind, helfe ich die Trage auszuladen. Fast schon automatisch, da ich es schließlich schon hundert Mal zuvor gemacht habe. Wir warten nun wieder in der Aufnahme. Ihre Augen wirken müde und traurig. Immer wieder blitzen sie auf und man merkt die Aufregung und Angst die ihr Herz zum Schlagen bringen. Wieder wollen uns die zuständigen Herren und Damen verweisen. Wir sollen einfach warten. Es kann aber auch ein bis zwei Stunden dauern. Nachdem ich der jungen Dame erklärt habe, dass wir nirgendwo mehr warten, wimmelt sie uns in den Wartebereich ab.

Wir sind alleine obwohl soviele Menschen um uns sind. Nur sie und ich. Liegend auf einer Trage, kämpft sie mit der Angst. Mein Herz schmerzt wenn ich sie so sehe. Ein dumpfer Druck der mir sagt, dass endlich etwas passieren muss. Ich spreche ihr Hoffnung zu. Sie versucht die Gewissheit der kommenden Ereignisse zu verdrängen. Ich auch. Ich habe aufgehört es schön zu reden. Ich habe selbst auch Angst, auch wenn sie davon nichts mitbekommt. Nach weiteren Minuten des Wartens, werden wir endlich gebeten, auf die Station zu fahren. Ein Pfleger schiebt sie in den Lift. Kurze Zeit sehe ich ihr Gesicht nicht mehr. Es schmerzt, sie so zu sehen.

Nach einer Stunde haben die Schmerzen nachgelassen. Sie hat eine Spritze in den Bauch bekommen. Alles läuft in Zeitlupe. Sie übergibt sich auf der Toilette. Sie zittert. Sie weint. Sie kann sich nicht mehr hochstützen. Kann das Glas Wasser nicht mehr halten. Die Angst hat sie eingenommen und der Verzweiflung Platz gemacht. Ich möchte am liebsten weinen, als sie mich ansieht und sagt „Ich habe Angst“. Ich würde am liebsten weinen, weil ich das alles ungerecht finde und nicht verstehen kann.

Sechs Wochen sind seit diesem Tag vergangen. Zweifacher Bandscheibenvorfall im Halswirbel war die Diagnose. Sie wurde operiert und verließ nach zehn Tagen das Krankenhaus. Sie musste noch einige Schlachten mit ihrem angeschlagenen Magen und dem schwachen Kreislauf schlagen. Momentan liegt sie hier und liest ein Buch. Der Alltag hat uns wieder eingeholt. Doch ich habe nicht vergessen. Ich werde nie vergessen. Irgendwie haben wir beide es geschafft. Und ich bin stolz darauf.